Kindergartenfrei- Unser Weg dahin

Unsere drei Jungen gehen nicht in den Kindergarten. Aber nein, unsere Kinder waren noch nicht immer kindergartenfrei. Wie wir dazu gekommen sind und welche Vorteile es für uns mit sich bringt, darüber möchte ich in diesem Artikel schreiben.

 

Das erste Kind ein Kindergartenkind

Unsere Tochter war ganz normal in den Kindergarten gegangen, seit sie zwei Jahr und bis sie in die Schule kam. Es gefiel ihr von Anfang an sehr gut, es gab keinerlei Probleme bei der Eingewöhnung und sie hatte sehr viele Freunde. Ich absolvierte meine Studium während ihrer Kindergartenzeit und es war für uns beide stets in Ordnung, diesen Weg zu gehen.

 

Lange und schwierige Eingewöhnungzeiten bei den zwei Jungen

Bei den Jungs war es anders. Colin sollte schon mit einem Jahr in die Krippe kommen, der Start wurde aber um ein Jahr verschobenen, da ich keinen Referendariatsplatz bekam. Mit zwei Jahren begann die Kindergartenzeit, obwohl sein kleiner Bruder noch ein halbes Jahr zuhause blieb. Henri kam ein mit einem Jahr in die Kinderkrippe, da mein Mann wieder arbeiten musste und ich meine Referendariat durchziehen wollte. Beide Eingewöhnungen führte mein Mann durch. Ich hätte mich sicher nicht so leicht getan. Denn beide Eingewöhnunsgszeiten waren sehr tränenreich und auch lange danach gab es beim Abgeben Tränen. Dies zerbrach mir das Herz, aber ich sah in diesem Moment keine Alternative. ALLE Kinder gehen doch in den Kindergarten, bei uns sogar oftmals schon mit einem Jahr. Und auch bei anderen Kindern gab es Tränen. Außerdem muss ich doch endlich meine Ausbildung beenden. Diese Gedanken waren vordergründig.

 

Eine entspannte Kitazeit im Beschäftigungsverbot und in der Elternzeit

Als meine Söhne 3 und 4,5 Jahre alt waren, ging ich ins Beschäftigungsverbot: Seit da an wurde unser Alltag entspannter. Frühs mussten wir nicht mehr um sieben Uhr am Kindergarten sein, um es pünktlich auf Arbeit zu schaffen. Und auch die Abholzeit konnten wir anpassen. Anfangs gingen sie noch über den Mittag in den Kindergarten, später waren sie fast jeden Tag Mittagskind. Im Kindergarten war der Mittagschlaf Pflicht, auch für die großen Kindern. Dadurch gingen unsere Jungs aber sehr spät ins Bett bzw. lagen schlimmstenfalls die zwei Stunden Mittagschlafzeit wach auf ihren Matratzen. Deshalb war die Verkürzung der Kita-Zeit ein Wohlwollen für alle: die Jungs gingen (meistens) gern die 3-4 Stunden in den Kindergarten, nachmittags genossen wir die gemeinsame Zeit und abends waren sie müde und wir Eltern hatten unseren „Feierabend“.

 

Dem Herzen wurde nachgegeben

 

Den letzten Sommer verbrachten wir viele Wochen als Familie. Mein Mann nahm Elternzeit für den jüngsten Sohn, wir fuhren lange in den Urlaub und der Kindergarten geriet in Vergessenheit. Ich habe schon lange gespürt, dass ein radikaler Schnitt sicher besser wäre und redete oft mit meinem Mann, ob wir die Kinder nicht ganz aus dem Kindergarten rausnehmen wollen. Er hatte Bedenken, dass wir sie zuhause nicht so fördern könnten und sie doch ihre Freunde brauchen. Ich ging nach den Sommerferien wieder arbeiten und mein Mann blieb mit Juri zuhause. Noch ein Kind wollten wir beide nicht mit einem Jahr in die Krippe eingewöhnen, so dass mein Mann das zweite Lebensjahr Elternzeit nahm. Die sechs Wochen bis zu den Herbstferien wurschtelte sich mein Mann durch mit Kita, Haushalt und Kinderbetreuung. Nach vielen Gesprächen beschloss er dann, das Experiment „kindergartenfrei“ auszuprobieren, lernte Eltern kennen, die ihre Kinder ebenfalls nicht in die Kita gaben und ermöglichte nicht zu letzt unserem Jüngsten, dass ständig seine Geschwister um ihn waren und er von und mit ihnen spielen und lernen konnte. Colin und Henri brauchten einige Wochen, um sich an diesen Alltag zu gewöhnen und sich miteinander zu „arrangieren“. Aber seither können wir es uns alle nicht mehr anders vorstellen. Es ist eine unbeschreibliche Freiheit, in den Tag hineinzuleben und auf die Ideen und Bedürfnisse der Kinder einzugehen, ohne Druck, Zeitvorgaben und Aufgabenabarbeitung. Jeden Tag mehr wurde die Geschwisterbindung enger und enger und der Umgang miteinander entspannter.  Die Kinder können das tun, was sie möchten, dass Lernen, was sie wirklich interessiert und sind sozial keinesfalls benachteiligt. Im Gegenteil, unter den Geschwistern lernt sich Sozialverhalten viel natürlicher. Unsere Kinder können sich nun die Menschen aussuchen, mit denen sie Zeit verbringen möchten und von denen sie etwas Lernen wollen. Dieses war der erste große Schritt in die Freiheit für uns alle, weitere Schritte folgten und werden folgen.

Ich möchte jedem Mut machen, auf sein Herz zu hören und sich nicht den „normalen Gegebenheiten“ anzupassen. Manchmal ist es mehr Wert, auf Geld zu verzichten und statt dessen Zeit mit seinen Lieben zu verbringen. Denn diese Zeit ist so kostbar. Wie schnell sind die Kinder groß und gehen eigene Wege. Bis dahin möchten wir sie begleiten, so nah es geht. Möchten ihnen helfen, ihren Weg zu finden und den Wissensdurst zu stillen.

 

 

16 Comments

  1. Veröffentlich von TRENDSHOCK am 28. Juni 2016 um 14:36

    Danke für diesen tollen Text. Ich selbst bin kein Fan von Fremdbetreuung unter drei Jahren, habe aber selbst noch nicht darüber nachgedacht, komplett Kindergartenfrei zu leben. Es ist ja schon ein MUSS sein Kind in den Kindergarten zu stecken – so kommt es einem vor. Ich persönlich war nur ein Jahr im Kindergarten und meine Geschwister gar nicht. Geschadet hat es keinem. Mich würde Euer weiter Verlauf interessieren und wie oft ihr Euch mit anderen Kindern trifft.

    Liebe Grüße



    • Veröffentlich von enricootto am 29. Juni 2016 um 23:16

      Hallo 🙂

      danke für deine Nachricht.
      Ja, viele denken so, dass ein Kind doch in den Kindergarten muss, da sonst die negativen Folgen sicher überwiegen. Deshalb finde ich es umso wichtiger die Menschen dahingehend zu sensilibisieren, dass es auch andere Wege gibt und diese genauso ok sind (nicht nur im Bereich Fremdbetreuung).
      Einmal die Woche treffen wir uns mit anderen kindergartenfreien Familie. Ansonsten haben die Kinder auch Freunde hier im Dorf, die sie regelmäßig treffen. Un befreundete Familien mit Kindern sehen wir dann meist am Wochenende. Ich denke aber, dass Kinder nicht unbedingt Gleichaltrige brauchen sondern soziale Kontakte in alle Richtungen möglich und wichtig sind.

      Liebe Grüße, Mandy



  2. Veröffentlich von Jenniffer (Berufung Mami) am 28. Juni 2016 um 19:15

    Liebe Mandy, vielen Dank für die Einblicke in euer Leben 🙂 Unser Sohn ist erst 19 Monate alt, aber jetzt schon sind wir beinah auf weiter Flur alleine, wenn ich erzähle, dass wir ihn bis mindestens zum 3. Geburtstag selbst und ständig betreuen wollen. D.h. ich tue das, mein Mann geht arbeiten, die klassische Rollenverteilung eben. Ich gehe in meiner Aufgabe jedoch auf und liebe es, Zeit mit meinem Sohn Emil zu verbringen. Sogar so sehr, dass ich einen eigenen Blog gestartet habe: http://www.berufungmami.de 🙂 Darin beschäftige ich mich in der Quintessenz damit, dass ein Kind in mind. den ersten drei Lebensjahren zu Hause betreut werden sollte.
    Ich wünsche euch für eure anstehende Reise alles Gute und toi toi toi. Und werde euch „verfolgen“ 😉 Alles Liebe, Eure Jenniffer



    • Veröffentlich von enricootto am 29. Juni 2016 um 23:10

      Liebe Jennifer,

      danke für deine Nachricht. Ja, leider steht man hier in Deutschland ziemlich allein da. Kennst du kindergartenfrei.org? Auch bei Facebook zu finden. Da gibt es schon einige Vernetzungsmöglichkeiten mit anderen Eltern, die nicht fremdbetreuen lassen. Ich habe auch in der Nähe eine Gruppe gefunden, die sich regelmäßig trifft. Der Austausch ist sehr schön und wichtig. Aber auch die Eltern, welche ihre Kinder fremdbetreuen lassen, bekommen durch uns zumindest einen Einblick, was auch möglich ist. Viele sind so im System, dass sie gar keine Alternativen sehen und kennen (und das nicht nur in diesem Bereich). Schön, dass auch du dich damit beschäftigst und anderen die Möglichkeit gibst, über den Tellerrand zu schauen. Viel Erfolg mit deinem Blog!

      Liebe Grüße Mandy



  3. Veröffentlich von Anna am 29. Juni 2016 um 23:26

    Liebe Jennifer, Du bist damit nicht allein! 🙂 Mir geht es sehr ähnlich – ich habe mich auch frei dafür entschieden, mein Kind die ersten 3 Jahren selbst zu betreuen. Das tue ich bereits seit 32 Monaten und es bleibt für uns die beste Entscheidung! Ich würde mich immer wieder genau so entscheiden! 🙂
    Liebe Grüße
    Anna



  4. Veröffentlich von Sonja am 30. Juni 2016 um 09:52

    Danke, für diesen ermutigenden Text. Ich selber stecke gerade mitten in der Eingewöhnungsphase mit meinem 2,5jährigen Sohn und es ist verdammt schwer für uns beide. In meinem Blog http://www.-folge-der-freude.de habe ich auch darüber geschrieben. Es ist schön zu wissen, dass es auch andere Wege gibt.
    Alles Gute für euch!
    Sonja



    • Veröffentlich von enricootto am 16. Juli 2016 um 21:14

      Danke für deine Worte. Ich wünsch euch alles Gute für die Eingewöhnung, habt ihr wenigsten genügend Zeit und eine gute Einrichtung erwischt?

      Liebe Grüße Mandy



  5. Veröffentlich von Leni/Familienjahr am 30. Juni 2016 um 11:46

    Eine tolle und mutige Entscheidung. Zwei meiner vier Kinder sind im Kindergartenalter. Sie haben jeden Tag die Wahl in den KIndergarten zu gehen oder nicht, ganz wie sie mögen. Ich habe so viele Kinder gesehen, die weinend im Kindergarten sitzen (manchmal jeden Tag). Das bringe ich nicht übers Herz.
    Liebe Grüße
    Leni



    • Veröffentlich von enricootto am 16. Juli 2016 um 21:15

      Toll, dass du dies deinen Kindern ermöglichst. So kann Kindergarten Spaß machen.

      Liebe Grüße Mandy



  6. Veröffentlich von Mona Fingerle am 1. Juli 2016 um 22:40

    Magst du mal einen Einblick geben, was es genau heißt, „sie lernen, worauf sie Lust haben“? Wie zeigen sie das an bzw welches Angebot isz denn überhaupt vorhanden, dass sie überhaupt darauf kommen, jetzt zb die Farben oder das Schneiden oder was auch immer lernen zu wollen?
    Das frage ich mich nämlich oft, wenn ichvon anderen lese, die es ähnlich machen, wie ihr.



    • Veröffentlich von enricootto am 16. Juli 2016 um 21:32

      Danke für die Nachfrage.
      Die Jungs wollten letzten zum Beispiel wissen, wie Honig hergestellt wird. Wir haben dann gemeinsam einige Youtube- Videos geschaut und waren zusammen beim Imker. Wir nehmen die Fragen der Kinder auf und schauen dann gemeinsam, wo wir Informationen herbekommen und Experten finden. Wir experimentieren, probieren zusammen aus und erklären dann nach unseren Möglichkeiten.
      Schneiden, Malen, Farben, Zahlen, Buchstaben etc. lernen sie „nebenbei“. Natürlich haben wir Materialen zum Malen und Basteln da, auch zum Buchstaben und Zahlen erlernen, diese werden je nach Interesse mehr oder weniger genutzt. Sie können sehr gut schneiden und „ausmalen“, aber ich habe es nie mit ihnen gezielt trainiert. Selbst wenn sie es nicht so gut bringen würden, sehe ich keinen Grund, dies explizit zu üben. Kinder finden ihre „Lücke“. Je nach Interesse werden sie auf „ihrem“ Gebiet Experte, wenn man sie nur lässt und das Vertrauen in sie hat. Denn wenn die Zeit da ist und sie von sich aus motiviert sind, lernen sie es viel einfacher und schneller (z.B. Lesen, Schreiben, Rechnen). Und jedes Kind hat wo anders seine Stärken und das ist auch gut so.
      Gern kannst du weiter Fragen stellen, vielleicht schreibe ich auch noch einen vertiefteren Artikel dazu.

      Liebe Grüße Mandy



  7. Veröffentlich von Désirée am 30. Juli 2016 um 10:29

    Tausend Dank für diese Texte.Ich wollte meine e Kinder nie in den KiGa tun und hab mir von andern einreden lassen ich müsse das. Meiner Tochter geht jetzt dort hin und es geht ihr und uns nicht gut damit. Jetzt werde ich das beenden und sie wieder anmelden. Danke,Danke,Danke.



    • Veröffentlich von enricootto am 30. Juli 2016 um 22:39

      Schön, dass ich dir damit Mut machen konnte. Hör auf dein Herz und lass dir von niemanden reinreden. Ihr findet euren Weg, der sich für euch gut anfühlt.
      Alles Liebe, Mandy



  8. Veröffentlich von Anna am 22. September 2016 um 14:00

    Hallo Mandy,

    ich bin von der anderen Seite und alle meine 3 Kinder waren/sind Kindergartenkinder seit sie 2 bzw. 1 Jahr alt sind. Ich will aber meine Meinung dazu nicht sagen, was das beste für das Kind ist. Ich wollte nur fragen: wie schafft ihr das finanziell? Wie viel muß der Mann verdienen, damit die Frau zu Hause bleiben kann?
    Vielen Dank für eine Rückmeldung
    Gruß
    Anna



    • Veröffentlich von Enrico Otto am 23. September 2016 um 07:06

      Hallo Anna,
      ich glaub, dass kann man so pauschal nicht sagen. Wir kamen mit ca. 2200€ plus Kindergeld sehr gut aus. Unser Haus hat uns mit allen Kosten ca. 900€ im Monat gekostet, ansonsten lebten wir aber sehr sparsam und konsumierten sehr wenig. Von dem Geld sparten wir sogar einiges für unsere Reise, so dass wir auch mit weniger Einkommen auskommen würden bzw. wir auch unsere Kosten für die Miete reduzieren könnten. Ich denke, wo ein Wille ist, da ist ein Weg.

      Liebe Grüße Mandy



  9. Veröffentlich von Ruth am 3. Januar 2017 um 07:01

    Hallo Mandy.
    Durch einen Zeitungsartikel bin ich auf das Thema Selbstbetreuung aufmerksam geworden und finde es sehr frei und spannend.
    Mich interessiert nun aber auch, wie der Übergang in die Schule verlaufen kann, wenn die Kinder vorher keine Erfahrung mit so einem “System“ gemacht haben. Hast du dazu Erfahrungen?
    Viele Grüße.
    Ruth